Maestrale (NW) – der Meister der Flügel
Der Maestrale ist der vielleicht bekannteste Wind Sardiniens und des westlichen Mittelmeers – ein böiger, starker Nordwest. Die meisten Segler kennen ihn als Mistral aus Südfrankreich / dem Golfe du Lion.
Auf Sardinien heißt er Maestrale. Die italienische Wortherkunft gibt eine Ahnung davon, wie er sich benimmt: Der Maestro dei Ali = Meister der Flügel ist ruppig, bissig, böig und weht oft mehrere Tage (die Sarden sagen, drei), gern stürmisch und mit einer kurzen Welle.
MAESTRALE ~ North-West / Nord-West / Nord-Ovest (NW 315°)
Vor Sardinien benimmt er sich nach lokalen Gegebenheiten noch etwas anders und mischt sich je nach Stärke mit den lokalen Winden. Durch plötzliche, kleine Winddreher kann der Maestrale ziemlich unberechenbar sein.
Am Nachmittag und bis zum frühen Abend nimmt er aufgrund der Thermik noch zu. Er schläft auch nachts üblicherweise nicht ein. Holt höchstens mal ein bisschen Luft für die nächsten Stunden Starkwind.
„Aspettiamo una burrasca di Maestrale. / Wir erwarten einen Mistral-Sturm.“
Dieser Satz, den man uns im Hafen von Palau sagt, ist also eine Wettervorhersage. Mindestens drei Tage starker Nordwest-Wind. Und damit die Aufforderung, nicht unvernünftig zu sein, sondern am Liegeplatz zu bleiben.
West- und Nordküste sind bei starkem Maestrale quasi tabu.

Der Maestrale kommt mit kalter Luft vom Atlantik, zieht über Südfrankreich zwischen den Pyrenäen und den Alpen bereits oft in Sturmstärke hinweg, hat teilweise schlechte Wetterfronten im Gepäck. Dann nimmt er auf dem Mittelmeer im Löwengolf weiter Fahrt auf.
Zwischen den Balearen und Korsika schwächt der Maestrale ganz leicht ab.
Doch nur, um in der „Bocche di Bonifacio“ wieder Gas zu geben. Die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika wirkt wie ein Trichter oder Staubsauger. Der berühmte Düseneffekt ist hier sehr ausgeprägt.
Der Maestrale verstärkt sich speziell an ihrem östlichen Ausgang – wenn der Meister der Flügel wieder freigelassen wird – noch einmal um gut zwei Windstärken (wohlgemerkt: Stärken, nicht Knoten).
Denn danach kommt das offene, Tyrrhenische Meer – ungebremst geht es hinaus, die Welle wird höher und bleibt immer ungemütlich.

Spoiler zu Winden aus östlichen Richtungen:
Die Bocche di Bonifacio funktioniert in die andere Richtung übrigens ähnlich – zwar sind die Winde nach Osten nicht so stark, aber eingeengt vom Golfo di Asinara unangenehm mit einer blöden, unkontrollierbaren Kreuzsee.
Im Sommer kann ein leichter Maestrale durchaus spaßig und sportlich zu segeln sein, und bringt – abhängig von der Großwetterlage – gute Sicht und oft strahlend blauen Himmel.
Maestrale sorgt auch für fallende Temperaturen (erholsam nach einer Hitzewelle). Ihm gehen oft die berühmten „Linsenwolken“ voraus, die manchmal wie Raumschiffe aussehen.
Ich persönlich finde ihn im Norden trotzdem eher unangenehm zu segeln, und an den vielen von Felsen durchsetzten Buchten fällt das Ankern schwer. Ankernächte sind ungemütlich.
Der Maestrale ist doch eher ein Wind für Kiter und Windsurfer.

Alternativen bei Maestrale
Während im Westen und Norden der Insel auch das zweite Reff nicht reicht, ist die Ostküste, insbesondere ab dem Capo Comino – dem östlichsten Punkt der Insel – bei Maestrale ganz gut zu segeln.
Speziell ab Arbatax nach Süden und an der Südküste bis Cagliari gibt es kaum mehr Probleme. Wobei ein Maestrale in Sturmstärke natürlich überall spürbar ist.
Die Buchten im Golfo di Orosei sind auch bei Maestrale schön und gute Ankerplätze.
Aufgrund der topografischen Gegebenheiten ist an der mittleren Ostküste an einigen Punkten Vorsicht geboten:
- Golfo Aranci ist bei Maestrale so ziemlich der ungeschützteste und ungemütlichste Hafen der Region.
- Die Isola Tavolara, die mit fast 600 Metern Höhe speziell bei Maestrale unberechenbar ist und fiese umlaufende Winde entwickelt. Ich meide sie auch wegen der Untiefen bei Maestrale.
- Der Hafen La Caletta bietet zwar einen hervorragenden Schutz – aber du hängst dort ggf. länger fest, weil die Hafenausfahrt direkt in einer Winddüse hängt. Vom Montalbo kommt der Maestrale intensiver herab, der Wind ist stärker und hält länger vor. Der Strand bei La Caletta und Santa Lucia (und auch La Cinta bei San Teodoro) sind beliebt bei Kitesurfern – was quasi alles über den Wind dort aussagt.
- An den beiden extremen Kaps Capo Comino und Capo Monte Santu nördlich und südlich des Golfo di Orosei zieht der Wind unberechenbar an und dreht auch gern mal. Dazu produziert der Golf eine blöde Welle. Entweder weiträumig (2-3 Stunden Umweg) umfahren oder 2. Reff und durch.
- Bei Cala Gonone kommt der Maestrale von den hohen Felswänden als Fallwind herunter. Achtung bei der Wahl des Ankerplatzes.
- Generell ist der Maestrale weiter draußen besser zu segeln als in Landnähe.
Ich lasse mein Boot wenn starker Maestrale angesagt ist (egal wo), an seinem Liegeplatz, lege eher noch extra Leinen an. Und schüttele mit den Einheimischen den Kopf über jeden, der sich dann draußen was beweisen muss.
Wem das Spaß macht, oder wer für die nächste Weltumsegelung trainiert – absolut fein ihr müsst das selbst wissen.
Ich nutze die Gelegenheit, lasse das Boot liegen und bewege mich stattdessen an Land, denn die Insel ist ja weit mehr als ihre Küste.
Insidertipp für den Landgang
An Tagen mit starkem Maestrale und damit automatisch guter Sicht lohnt ein Tagesausflug in die Bergwelt Sardiniens: Zum Beispiel auf den Monte Limbara.
Von einigen Punkten reicht der Blick über die Bocche di Bonifacio bis zu den Bergen von Korsika und zur Insel Asinara (Eine schöne Tour habe ich in meinem Wanderführer beschrieben).

Wer noch weiter will: Mit einem Trek auf den Monte Corrasi hast du einen 360-Grad-Rundumblick über Sardinien – ein Träumchen!
Weitere Informationen zum Maestrale gibt’s auf blauwasser.de