Ein Lob auf die Flaute.
Neujahr 2025. Ich stehe um 7 Uhr auf, bin um 8:30 Uhr am Boot und in einer halben Stunde in der kompletten Stille und Einsamkeit. Rund 15 Grad, die sich auch genau so anfühlten, ein strahlend blauer Himmel.
Und kein Faden Wind.
Perfekter kann das neue Jahr nicht anfangen.
Hm? Braucht man zum Segeln nicht Wind? Doch, doch, daran hat sich auch 2025 nichts geändert. Aber: Flauten sind mir willkommen. Speziell jetzt, in der vollkommenen Nicht-Saison vor Sardinien.
Ich liebe die Flaute. Sie gibt mir Ruhe, erdet mich auf See.
Sie schafft Raum für Gedanken. Gerade jetzt zum Jahresende und -beginn denke ich extrem viel nach, stelle mir alle möglichen wichtigen Fragen. War ich vor ein paar Tagen noch im Supramonte wandern und sah von oben auf das Meer hinunter, sehe ich die Insel und mein Leben jetzt von einer ganz anderen Seite.
Aber nicht nur wenn ich grübeln will, finde ich die Flaute super. Auch in der Nebensaison ist sie eine Erleichterung. Endlich mal nicht der Dauerblick auf die Windvorhersage, mal nicht die Leinen kontrollieren.
Bei leicht bewölktem Himmel habe ich mir ein kleines Büro in der Navi eingerichtet, bin auf dem Boot sehr viel kreativer als in irgendeinem Büro. Ich verbringe die Mittagspause auf dem Bug, sitze zum Ausklang des Tages (der früher und eher selten mit Nachtschichten endet) mit einem guten Buch im gemütlichen Salönchen meines 9-Meter-Segelbootes. Oder ich kümmere mich endlich um die notwendigen Kleinarbeiten am Boot. Die Liste ist ewig lang.
Ob es am Liegeplatz oder in einer türkisfarbenen Bucht flautet, ist mir egal.
Die Flaute übernimmt die Wache.
Ich muss nicht hundertachtzigprozentig aufmerksam sein. Muss nicht an alles gleichzeitig denken. Ich darf wie das Meer dahin dümpeln. Darf Dinge vergessen. Vor allem die anstrengenden, die mühsamen.
Und im Sommerurlaub ist sie am Mittelmeer auch die beste Ausrede, nichts zu tun: Arbeiten kann man eh nicht bei mehr als 35 Grad. Das Arbeitsleben verlege ich also wenn möglich in die Nacht oder in einen klimatisierten Raum an Land. Aber oft verbringe ich den Sommer eh in Nordeuropa, um der Hitze zu entfliehen. Ansonsten liege ich unterm Sonnensegel oder ölend-dahinvegetierend in der Bugkabine.
Ich setze die Segel nicht. Ich versuche erst gar kein Flautensegeln mit schlagendem Zeug.
Nicht vorwärtskommen ist heute mein Ziel. Einfach im Hier und Jetzt sein zu dürfen.
Gelassenheit. Das schafft die Flaute. Und die wünsche mir für das ganze Jahr. Also die Gelassenheit, nicht die Flaute. Ein bisschen Segeln will ich schon noch 😉
Fokus. Sich nicht von der Welt ablenken lassen. Das gibt die Flaute (wie überhaupt das Segeln).
Ganz besonders im einsamen, sardischen Winter.
Neujahr in der Flaute – im Golfo di Olbia
Im Winter auf Sardinien sind Flauten gar nicht so selten. Gerade rund um den Jahreswechsel, Dezember, Januar haben sie Hochkonjunktur. Wenn sich in nördlichen Gefilden die Stürme auf den großen Meeren austoben, setzt sich über Italien gern mal das ein oder andere Hoch fest.
Nach den Herbst- und vor den Frühlingsstürmen ist das Mittelmeer dann wirklich eine Badewanne. Nicht weil so warm, sondern so gemütlich.
Einen warmen Tee zum neuen Jahr aus der Porzellantasse? Kein Problem, hier an Bord fällt heute nichts um.
Der Start ins Jahr mit einer kleinen Tour von Olbia hinaus in den Golfo di Olbia zwischen dem Leuchtturm, Le Saline und Golfo Aranci war das Beste, was ich machen konnte.
Allein, mitten in der „Einflugschneise“ der großen Fähren. Im Sommer ist hier ein heilloses Hin- und Herfahren, eine potente Motoryacht jagt die nächste, Charterboote noch und nöcher. Sie mischen die eh schon kabbelnden Wellen nochmal auf und schütteln mein kleines Boot durch.
Und heute? Nur ich, Mr. Shluck, der Bordpapagei und mein Pirat, der CORSARO. Erst beim Reinfahren traf und begrüßte ich eine weitere, mir entgegenkommende Yacht aus dem Hafen. Man kennt sich.
Jetzt trifft man ausschließlich Eigner (viele Einheimische), Winterlieger und Leute, die auf Langfahrt im Mittelmeer stoppen. Sardinien liegt ja auch sehr praktisch. Die Megayachten und Charterer sind derzeit in der Karibik oder anderswo. Auch Fährverkehr gibt es nur morgens und abends.

Diese stillen Tage sind so wichtig. Nicht nur für mein eigenes, persönliches Glück. Natürlich machen sie mir bewusst, was für ein unfassbares Glück ich eigentlich habe.
Gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, wie fragil das alles ist. Und dass solche friedlichen Momente, wie ich und vor allem die Bewohner des marinen Habitats sie heute und in der Nicht-Saison erlebten, vielleicht auch immer weniger werden.
Schon im Sommer kommen sie speziell im Nordosten der Insel quasi nie vor, werden immer rarer und wir Menschen sind – selbst die, die sich bemühen, nachhaltig zu handeln – ein massiver Störfaktor für die Natur. Vor allem die Spezies „Urlauber“. Der Tourismus, so wichtig er für die Insel ist, hat eine Schattenseite.
Da liegen dann manchmal sieben Fähren im Hafen, nicht selten mit durchgängig laufendem Schiffsdieselmotor. Langsam aber sicher werden die Antriebsarten umgestellt, doch nicht von allen und wir werden noch einige Jahre mit der Umwelt-, Lärm- und Meeresverschmutzung zu tun haben. Der Unterwasserlärm, die Öl-, Abwasser- und Plastikverschmutzung und unsere schlichte Präsenz mit Hart
Bewusstsein für Stille? Für die Schönheit der Natur? Dafür, sie auch im Urlaub nicht nur zu “benutzen” sondern zu genießen und sie wann immer möglich in Frieden zu lassen und sich so natürlich wie möglich einzufügen? Das wünsche ich mir von allen Sardinienreisenden 2025.
Umso glücklicher bin ich, das sardische Meer jetzt und hier in all seiner flautigen Schönheit erleben zu dürfen.
Du willst das auch? Na, das geht schon, wenn man es wirklich will.
Unplanbar: die Flaute in der Nicht-Saison
Planen lässt sich ein „Flauten-Segel-Urlaub“ natürlich nicht. Dafür gibt es auf Sardinien gleich mehrere Gründe.
Erstens, weil das Wetter sich nicht nach privaten Urlaubsplänen richtet. Das Mittelmeer war schon immer eine Wundertüte, und die Zeiten, in denen das Wetter halbwegs kalkulierbar war, sind übersichtlich geworden.
Zweitens ist es nicht planbar, weil die Flaute an sich seltener wird. Als man dachte: Hey, Sardinien – da ist doch ein entspannter Segelurlaub garantiert, wird das heute durch Extreme gestört. Entweder eben die liebe Flaute oder gleich Sturm. Dazwischen gibt es wenig. Und wenn, dann folgt mit einiger Sicherheit eine ausgeprägte Nicht-Flaute. Das liegt schlicht an der Physik: Erwärmen sich Wasser und Atmosphäre, verdunstet mehr vom ersten und die zweite nimmt mehr davon auf. Oder anders gesagt: Wenn über lange Zeit die Temperaturen stetig steigen, ist das nicht gut. Hallo, Klimawandel.
Drittens: Charterangebote sind im Winter extrem rar – fast alle Boote stehen an Land. Und auch die Werften sind von Mitte Dezember bis Mitte Januar geschlossen.
Viertens: Verbindungen auf die Insel sind rar. Der beste (und nachhaltigste Weg im Fall einer Insel) ist die Fähre. Direktflüge gibt es keine (lies dazu gern meinen Artikel auf meinem Blog), man müsste also zweimal Kurzstrecke mit Umsteigen fliegen – mit Segelgepäck wird das eine teure Angelegenheit.

Wobei, „unplanbar“ ist natürlich nicht ganz richtig. Alles geht, wenn man will. Und was ein segelndes Schaf kann, können auch andere.
Wer Herausforderungen bei der Planung nicht scheut, eh mal über den Jahreswechsel eine längere Auszeit braucht, wer im Winter mit dem Auto über die Alpen fahren mag, wer keinen großen Komfort benötigt, wer auch gern an Land ist und am Ende jemanden kennt, der jemanden kennt, der auch im Winter Segeltouren anbietet, notfalls aber auch damit leben kann, am Ende des Urlaubs vielleicht gar nicht gesegelt zu sein, kann es natürlich versuchen.
Flauten und Stürme lassen sich prima einplanen, wenn man ein bisschen länger da ist: für Landgänge mit Kultur und Wanderungen (Tipps auf meinem Sardinien-Blog), für ruhige Ankernächte, für Arbeiten am Boot und für alle anderen schönen Dinge.
Versprochen: Ihr findet auf Sardinien ein stilles Paradies mit reiner, unverfälschter Natur vor, das dem Türkistraum des Sommers in keiner Weise nachsteht.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind gleichwohl gefragt.
Wie eigentlich überall im Leben, wenn die Dinge mal nicht so laufen. Die Fähigkeit, möglichst proaktiv mit Veränderungen umzugehen, wird auch am Mittelmeer eine immer wichtigere Segel-Eigenschaft.
Ein, zwei bescheidene Meilen konnte ich dann doch noch segeln, dann sagte der Wind wieder Ciao.
Dann wieder Stille. Ein sanftes Schaukeln.
Lernen, die Flaute zu lieben
Der Flaute Raum geben und sie willkommen heißen ist das Beste, was man mit ihr machen kann.
Eine kleine Ausfahrt per Motor kann schön sein – selbst mit meinem traktorähnlich knatternden Farymann genieße ich die Fahrt. Und wie toll ist es, dann einfach auf dem offenen Meer stehen zu bleiben und nichts zu tun.
Wissend, dass jede Flaute enden wird.
