Wind und Wetter auf Sardinien

Der größte Fehler, den man als Segler rund um Sardinien machen kann, ist immer mit dem Türkistraum, Sonnenschein und dem perfekten Urlaubswind zu rechnen. Das Wetter schert sich nirgendwo auf der Welt darum, ob du für ne Woche gechartert und Urlaub hast und alles perfekt sein soll. Und in Zeiten sich verändernder klimatischer Bedingungen schon dreimal nicht.

Sardinien kann definitiv anders. Und als Insel mitten im Meer auch mal von jetzt auf gleich. Auch Großwetterlagen über dem Atlantik und Afrika spielen eine große Rolle. Und jede Küste hat ihre Eigenheiten.

Die Winde auf Sardinien

Wind und Wetter sind ja generell für Segler eine kleine Wundertüte. Rund um Sardinien läuft der Hase allerdings noch etwas anders – schon, was die Namen der Winde betrifft. Denn auf der Insel (und in ganz Italien) spricht niemand von West oder Ost. Hier hat der Wind einen Namen.

  • Die vier Hauptrichtungen: Tramontana, Levante, Mezzogiorno und Ponente
  • Die vier Nebenwinde: Maestrale, Grecale, Scirocco und Libeccio

Ein paar unverbindliche Faustregeln

  • Im westlichen Mittelmeer sind auch die Winde des westlichen (vierten) Quadranten überdurchschnittlich präsent: W = Ponente, NW = Mistral, N = Tramontana.
  • Der vorherrschende Wind auf Sardinien ist der Maestrale, ein böiger Nordwest (aus Frankreich bekannt als Mistral).
  • Alte Weisheit der Fischer vor Sardinien: ein Maestrale dauert mindestens drei Tage.
  • Der Maestrale trägt die Wolken weg – danach kann man mit ausgeprägtem Schönwetter rechnen.
  • Im Winter prägen auch Grecale (oder Greco) und Tramontana das Wettergeschehen – beide sind sehr kalt.
  • Der wellige, vergleichsweise warme, feuchte Scirocco aus Südost ist häufig im Sommer präsent und bringt Saharastaub mit – Segel am besten gleich putzen.
  • Er kann im Sommer auf dem Meer unerträglich heiß sein – wie auch Mezzogiorno oder Libeccio.
  • Ponente und Levante sind gutmütig und gleichmäßig, können sich aber stark „einwehen“.
  • Grundsätzlich nimmt Wind etwa ab 13, 14 Uhr zu und ab etwa 18 Uhr wieder ab.  
  • Großwetterlagen wie Tiefs im Tyrrhenischen Meer (Dreieck zwischen Sardinien / Sizilien und Golf von Neapel) sind oft kräftiger als die Vorhersage und überlagern lokale Wettervorhersagen.
  • In der Bocche di Bonifacio (Meerenge zwischen Sardinien und Korsika) herrscht einer der stärksten Düseneffekte des Mittelmeers.
  • Ausgangs der Meerenge nehmen der Wind um 1-2 Stärken und der Seegang zu (in beide Richtungen)
  • Lokale Windphänomene und die immer häufiger werdenden Extremwetterphänomene kennt keine Wind-App.

La Rosa dei Venti – die Windrose

Klick auf die Namen, um mehr zu den einzelnen Windrichtungen zu erfahren:

La Rosa dei Venti – die Windrose auf Sardinien

La Rosa dei Venti – die Windrose auf Sardinien
Tramontana (N) – der kalte Nordwind aus den Bergen Grecale (NE) – frische Luft vom Kontinent Levante (E) – der nette Wind aus dem Morgenland Scirocco (SE) – gutmütiger Südost mit Saharastaub Mezzogiorno (S) – seltener Gast aus Afrika Libeccio (SW) – der ungemütliche Regenbote Ponente (W) – ein kraftvoller Segelwind Maestrale (NW) – der Meister der Flügel

Mezzogiorno (S) – seltener Gast aus Afrika

Schnelle Beseitigung einer möglichen Sprachverwirrung Deutsch-Italienisch: Wenn du in Italien auf einer Windrose „O“ liest, dann bedeutet das Ovest = Westen (und nicht etwa Osten). Osten ist mit „E“ für Est bezeichnet, oder East. Das ist auch der Trick: Denke in den englischen Abkürzungen, dann ist klar, wo Osten und Westen ist.

Der Wind – italienisch: il vento, sardisch: su bentu – weht auf Sardinien nicht einfach. Er ist Teil des täglichen Lebens – die Menschen nehmen ihn wahr. Selbst, wenn er nicht da ist. Bei Sardiniens Landbevölkerung hat er andere Namen als bei Seefahrern, da sie ihn von Land aus betrachten und deuten. Ein Grecale kommt in der Inselmitte zum Beispiel “von den Bergen“ und wird in den Dörfern des südlichen Gennargentu auch „intra montes“ genannt.

Auch die Beaufort-Skala kennt man natürlich, aber nutzt sie außer bei der Marine eher nicht. Knoten / nodi reichen für den Hausgebrauch. Die Übersetzung für „Heute weht ein stürmischer Nordwest mit 6 Beaufort.“ lautet also: „Oggi soffia un Maestrale forte con 25 nodi.“

Die Winde auf Sardinien

Zudem können lokale Phänomene beim Küstensegeln zur Herausforderung werden. Das folgende Foto stammt aus August. Eigentlich ein schöner, sonniger Tag – sonst wären wir in Alghero gar nicht erst losgefahren.

Hier waren wir an der Küste vor Bosa und suchten bei einem plötzlich aufkommendem Gewitter, das von Land kam, dort blieb, an der Küste aber Wind im Gepäck hatte, nach einer Zuflucht. Wir fanden sie in der weiten Bucht von Bosa Marina.

Mit dem zweiten Reff an Sardiniens Westküste
Mit winziger Besegelung an Sardiniens Westküste – mitten im August. Immerhin bei glattem Meer, da der Wind von Land kam.

Quellen für Wind und Wetter auf Sardinien

Für eure eigene Recherche habe ich euch nachfolgend ein paar Wetterquellen, die ich in meiner Segelpraxis vor Sardinien nützlich finde, zusammengestellt.

Screenshot Windy App Sardinien

MeteoAM Aeronautica Militare » Die offizielle Seewettervorhersage der italienischen Marine und Luftfahrtbehörde, inklusive Sturmvorhersagen und Wetter-Bulletins (in italienischer Sprache) https://www.meteoam.it/it/meteomar

Deutscher Wetterdienst » Natürlich ist auch der DWD eine gute Quelle und hilft mit seinen Mittelmeer-Karten und Vorhersagen bei längeren Schlägen, oder wenn Sardinien nur ein Durchreise-Ziel ist. Für das küstennahe Urlaubssegeln vor Ort ist es zu grob und für mich eher unpraktisch. » Seewetterbericht Mittelmeer / Seewettervorhersagen Mittelmeer Westteil / Seegangskarten

Il Meteo (Web & App) » Gibt eine kurzfristig (2-3 Tage) brauchbare und zuverlässige Wettervorhersage inkl. Niederschlägen, Meereszustand und Wellenhöhen » https://www.ilmeteo.it/Sardegna … Wer italienisch versteht: Die Vorhersagevideos zeigen die Großwetterlage in Italien, um auch Fahrten zum Festland zu planen oder zu sehen, ob und wo ggf. Schlechtwetter anrückt.

Windy (App) » Zur Windvorhersage funktioniert auf Sardinien die Windy-App in der Detailansicht sehr gut, da man manchmal nicht weiß, wie genau z. B. die Zugrichtung eines Tiefs ist welche Berge sich im Hinterland befinden und die großen Winde ggf. ablenken und verstärken können. Auch sieht man gut, ob Sardinien an Großwetterlagen auf dem Atlantik oder im östlichen Mittelmeer hängt, oder davon unberührt ist.

Regenradar und Satellitenansicht finde ich ganz hilfreich, um das „Gesamtgeschehen“ auf der Insel und rundherum zu beurteilen. Kurzfristig (ein paar Stunden) zeigt die App sehr zuverlässig, wie Wolken, Regen oder Gewitterfelder ziehen oder sich auflösen. Alles in allem sehr praktisch – auch um eventuelle Landgänge zu planen, wenn zu viel Wind weht. Auch sieht man prima, wie und wo sich Tiefs einkringeln (die sich zu einem echten „Medicane“ entwickeln können) oder wie die Meerenge Bocche die Bonifacio bei Korsika Winde verstärkt.

Météo Marine » Die Seewetter-Vorhersagen der Franzosen sind sehr gut für die Bocche di Bonifacio und das Maddalena-Archipel, oder wenn man nach Korsika hinüber möchte, oder nach Westen segelt: https://marine.meteoconsult.fr/

Der Wind

Mehr Infos zum Wind findet ihr auf meinem Sardinien-Blog: Die Namen der Winde — pecora nera ~ Reiseblog und Reiseführer aus Sardinienpecora-nera.eu

(Auszug aus meinem Sardinien-Reisebuch „Natürlich Sardinien“, Seite 234)